19. Januar 2007
Name: Attila Fritzsch
Fachrichtung: Physikalische Ingenieurwissenschaft
Heimatuniversität: Technische Universität Berlin
Gastuniversität: Budapest University of Technology and Ergonomics
Laufzeit des Stipendiums: 10 Monate
Inhaltsverzeichnis
1 Vorbereitungen
2 Organisation und technischer Ablauf
2.1 Ankunft, Unterbringung
2.2 Einschreibung an der Universität und erste Orientierung
2.3 Kontaktaufnahme zur Botschaft
2.4 Finanzierung
2.4.1 Auszahlung des Stipendiums
2.4.2 Kosten der Verpflegung, Reisen
2.5 Universitätsbetrieb
2.5.1 Englischsprachiges Studium
2.5.2 Ungarischsprachiges Studium
2.5.3 Ausstattung
Ich studiere in Budapest auf ungarisch und englisch, wobei es für mich sehr wichtig war eine Universität zu finden, die meinen speziellen Studiengang abdeckt und mir die nötige Wahlmöglichkeit lässt.
Budapest ist eine wunderschöne, alte Stadt, in der 1,7 Millionen Menschen leben, obwohl nur 1 Million rein passt. Das Leben pulsiert und Budapest wird nicht umsonst als Weltmetropole gehandelt. Besonders beeindruckend sind die zu Großteilen erhaltenen Jugendstilhäuser, die einem das Gefühl geben mitten in den goldenen 20ern zu sein. Durch die in der Mitte fließende Donau fühlt man sich aber nie in der Stadt eingeengt oder bedrängt und ein Blick auf den Burgberg oder die Freiheitsstatue gibt einem wieder das Gefühl der Weite.
Obwohl man den „Osten“ noch fühlen kann, ist in den Straßen der Stadt schon sehr viel passiert. Erst diesen Sommer wurden z.B. ganz neue Straßenbahnen eingesetzt, die von den Ungarn stolz als „die längste [durchgängige] Straßenbahn Europas“ gepriesen wird. Allerdings sind Armut und Elend noch immer ein fester Bestandteil des Stadtbildes.
Die Budapest University of Technology and Economics (Eigentlich: Budapesti Müszaki és Gazdaságtudományi Egyetem – BME) ist auf der udaseite am Fuße des Gelértberges und direkt an der Donau gelegen. An dieser Universität ist 1956 von Studenten die Revolution gegen die sowjetische Besatzung initiiert worden und so berühmte Männer wie Kármán und Rubik haben hier ihren Abschluss gemacht. Mitten im Geschehen und mitten in der Stadt ist diese Universität Blickfang und Wissensquelle zu gleich.
1 Vorbereitungen
Das Auswahlverfahren der Universität zur Einschreibung in das Master Programm ist sehr einfach. Wenn man einen Bachelor (oder äquivalent) Durchschnitt von mindestens „B“ hat und einen TOEFL, Cambridge oder ELTS Test der englischen Sprache aufweisen kann, dann ist man mit Sicherheit aufgenommen.
Nach der Aufnahmebestätigung muss man im Vorfeld seine Kurse aus dem Bulletin auswählen und der Universität schicken, damit diese die Kursaufstellung planen kann. Allerdings ist dies zu meinem Glück nicht verbindlich gewesen.
2 Organisation und technischer Ablauf
2.1 Ankunft, Unterbringung
Ich wurde von meiner Familie mit dem Auto nach Budapest gefahren und konnte so relativ viel mitnehmen. Zusammen mit einer Gitarre und einem E-Bass waren das 4 Umzugskisten. Davon zwei Kisten Kleidung, eine Kiste Bücher und eine Kiste Computer.
Da es von Berlin aus sehr schwierig war eine Wohnung zu organisieren, bin ich ohne Vorbereitung losgefahren. Es gibt im Internet Firmen, die einem Wohnungen vermitteln, aber diese sind sehr teuer. Als wir hier ankamen, haben wir erst einmal mit dem Auto einige Wohnheime (Kollegium) angeschaut, auf die ich mich im voraus beworben habe. Es ist so, dass es für Austauschstudenten im Regelfall keine Wohnheimplätze gibt, aber wenn nach Studienbeginn noch Platz ist, kann man sich dort als Nichtstudierender einmieten. Es wäre mit ca. 60,-€ (15.000 Forint, Momentan steht der Kurs für den Forint sehr gut und damit für mich schlecht. Ich werde im Folgenden mit einem Umrechnungskurs von 1:250 rechnen, obwohl dies schlechter ist als der aktuelle (1:260)) wirklich sehr billig gewesen, aber die Konditionen haben mich abgeschreckt (4 Bettzimmer, Plattenbau, entfernte Lage, 2.500 Bewohner etc.) und ich wollte nicht gleich am Anfang einen Kulturschock provozieren.
In den ersten Tagen habe ich bei meinem Cousin, der in Budapest lebt, gewohnt und bin somit nicht in das von der Universität angebotene Hotel gezogen, obwohl ich von den anderen hier anwesenden Austauschstudenten (fast ausschließlich ERASMUS) gehört habe, dass es durchaus annehmbare Preise und Konditionen gäbe und es jede Nacht Partys gab, auf die ich gerne verzichtet habe. Von der Studentenschaft wurde für alle neu angereisten ein Service angeboten, wo Studenten für uns Wohnungen suchen. Ich habe mich entschlossen nicht in den unmittelbaren Stadtkern zu ziehen, weil ich alleine Wohnen wollte. Und so habe ich eine Wohnug vermittelt bekommen, bei der ich 55.000 Forint (220,- €) (warm, 36 m^2, 20 min zur Uni) zahle. Zumeist haben sich internationale WGs gegründet, um die Kosten niedrig zu halten. Ich habe von einigen gehört, dass sie so die Kosten unter 150,- € drücken konnten. Im Regelfall zahlen die Studierenden aber um die 300,- €.
2.2 Einschreibung an der Universität und erste Orientierung
Die BME hat ein sehr stark ausgebautes englischsprachiges Studienfeld und somit eine sehr starke Korrespondenz zu anderen Universitäten überall in der Welt. Die Zahl der englischsprachigen Austauschstudenten in diesem Jahr lag bei 286, darunter ca. 80 Amerikaner, je ca. 40 Spanier, Italiener, Franzosen, Deutsche, 20 Finnen, 2 Israelis, 1 Japaner, 1 Nigerianer u.v.m.
Ich wurde von Frau Kiss des International Studentsoffices mit zu dieser Gruppe gezählt, da ich sowohl auf Englisch als auch auf Ungarisch studiere. Und so war die ganze Orientierungsphase routiniert und leicht verständlich. Dies machte es sehr leicht, sich an der Universität zurecht zu finden. Außerdem wurden gerade in der Anfangsphase sehr viele kulturelle Aktivitäten angeboten, um sich mit den Austauschstudenten anzufreunden. Ich hatte mit der Einstufung ins englische Programm das Problem, dass ich keinen Zugang zum NEPTUN-Netz bekam, was die Plattform zur Einschreibung in die verschiedenen ungarisch spachigen Kurse ist. Es gibt meines Wissens nach keinen Gaststudenten, der auf ungarisch studiert. Die englischsprachigen Gaststudenten werden gesondert behandelt und erhalten keinen Zugang zum regulären Betrieb. Es hat wohl noch keiner vor mir die Idee gehabt neben den englischsprachigen, auch Kurse in ungarischer Sprache zu hören und somit konnte mir Frau Kiss keine Auskünfte oder Hilfestellung geben, da sie keine Ahnung von dem Normalbetrieb hatte. Schon im Vorfeld, als es um die Bewerbung an der Universität ging, hatten wir Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse diesbezüglich zu bewältigen, da mich jeder andere von der BME zu ihr geschickt hat, sie mir aber keine Auskunft geben konnte. Ich habe (ohne Unterstützung vom International Studentsoffice) herausgefunden, dass es außer im NEPTUN-Netz kein Vorlesungsverzeichnis gibt (abgesehen vom englischen Programm), und war so gezwungen mir an den entsprechenden Instituten Informationen über die angebotenen Kurse einzuholen. Die Personen vor Ort waren alle sehr hilfsbereit und ich hatte wider erwarten keine Probleme die Kurse über das englische Programm anzumelden.
2.3 Kontaktaufnahme zur Botschaft
Während des Orientierungsprogramms wurden uns alle nötigen Unterlagen des Antrags auf Aufenthaltsgenehmigung ausgehändigt, geholfen auszufüllen und erklärt, wie genau wir vorgehen sollen. Es ist ein sehr lästiger und zeitintensiver Prozess, aber man hat als EU-Bürger 70 Tage Zeit sich durch die Instanzen zu boxen. Es gab keine Probleme.
2.4 Finanzierung
2.4.1 Auszahlung des Stipendiums
Anfänglich habe ich das Geld von meinem deutschen Konto abgehoben, wann immer ich es benötigte. Als dann der erste Kontoauszug vorlag, wurde mir auf Grund der Gebühren klar, dass dies so nicht rentabel ist (4,50 € pro Barauszahlung; 1,50 € pro Kartenzahlung). Ich habe mir zwar überlegt ein ungarisches Konto einzurichten, aber auch hier fallen Überweisungsgebühren zwischen den Konten an und mein Geld wird im wenig stabilen Forint angelegt. Momentan hebe ich lediglich einmal im Monat Geld von der einzigen Deutschen Bank in Budapest (die ich kenne) ab und bewahre es zu hause auf. Dies scheint unter Ungarn eine sehr verbreitete Art des Geldumgangs. Ich werde mich weiter nach Banken umschauen, da mir zu Ohren gekommen ist, dass man sein Konto auch in Euro führen kann.
2.4.2 Kosten der Verpflegung, Reisen
Wider erwarten ist das Leben hier nicht billiger als in Berlin. Wie oben bereits erwähnt zahle ich für Miete um die 220,- €. Dies ist sowohl für budapester, als auch für berliner Verhältnisse preiswert. Ich beziehe Fernsehen und Kabelinternet, dass mich monatlich 8.000 Forint (32,- €) kostet, ebenfalls vergleichbar teuer. Nur Grundlebensmittel sind preiswerter. So gibt es Obst und Gemüse zu Spotpreisen (ein Kilo Tomaten 1,50 €, ein Kilo Paprika 90 Cent) und auch Brot ist äußerst preiswert (z.B. ein Brötchen 9 Forint (4 Cent) und ein Pfunder Brot 90 Forint (36 Cent)). Auffällig teuer ist Aufschnitt, Käse und Frischfleisch. Allerdings gibt es typisch ungarische Wurst, wie Kolbász und Párizsien, die ebenso preiswert sind.
Alles in allem zahle ich ca. 25,- € pro Woche im Lebensmittelgeschäft. Ich esse vor allem Obst, Gemüse und Weißbrot und halte mich an die typisch ungarischen Wurst- und Käsesorten. Man muss hier wirklich auf den Preis schauen, da die Preisspanne gewaltig ist. Dazu kommen täglich 3-4,- € in der Mensa oder in Schnellrestaurants für das Mittag. Also insgesamt ca. 35,-€ für Speis und Trank. Eine gute Nachricht für mich war, dass Wein sehr preiswert und gut ist (ab 350 Forint pro Flasche) und auch in Clubs und Kneipen kann man sich etwas alkoholisches leisten (Wein ab 100 Forint pro Dezi-Liter und Bier ab 150 Forint), man muss nur darauf achten nicht in den Touristengegenden einzukehren, denn da sind die Preise auf europäischem
Standard (600-800 Forint für ein Bier).
Das gleiche gilt eigentlich bei allem. Kleidung und Schuhe kann man, wenn man z.B. auf die Chinamärkte oder in etwas abgelegene Einkaufsmeilen geht, sehr preiswert erstehen. Man sollte Kaufhäuser in der Innenstadt, wie z.B. das Westendcenter meiden.
Wenn man erst einmal als Student eingeschrieben ist, dann kann man das gesamte budapester Verkehrsnetz für monatliche 2600 Forint (10,- €) nutzen. Man sollte sich dies allerdings so schnell wie möglich zulegen, da ansonsten der Verkehrsbetrieb sehr viel teurer ist.
Von den Mentoren des European Studentnetworks (ESN) werden regelmäßig Reisen in alle umliegenden Länder und in die schönen Regionen von Ungarn geplant. Diese bewegen sich preislich zwischen 40,-€ und 200,-€ und sind anfänglich sehr hilfreich, um sich mit anderen Austauschstudenten vertraut zu machen. Ich bevorzuge die selbst organisierten Reisen, da man so mehr Freiheiten zur Gestaltung hat. Auch hier ist man besonders im Inland sehr preiswert unterwegs, da die Regionalzüge sehr billig sind (z.B. Budapest-Esztergom 155 Forint).
2.5 Universitätsbetrieb
2.5.1 Englischsprachiges Studium
Trotz eines sehr großen Studienangebotes ist es für mich sehr schwer gewesen die entsprechenden Kurse auszuwählen. Das englischsprachige Programm ist aufgebaut in Bachlor- und Master-Studiengängen, die einem strickten Stundenplan folgen. Das hatte für mich den Nachteil, dass nicht alle von mir geforderten Kurse zustande kamen, oder sich gegenseitig überschnitten. Aus diesem Grund habe ich mich gleich im ersten Semester dazu entschieden, Kurse auf ungarisch zu besuchen.
Anders als an der TU Berlin wird hier für alle Lehrveranstaltungen außer Vorlesungen eine Anwesenheitsliste geführt. Außerdem entsteht durch den vorgegebenen Stundenplan eine Schulklassenstruktur in den Kursen. Dies führt dazu, dass die Studenten in den Veranstaltungen nicht sonderlich ehrgeizig und motiviert sind und sich regelmäßig gegenseitig ablenken. Besonders die ungarischen Studenten im englischen Programm benutzen dieses als Freischein. Mir wurde von vielen Studenten bestätigt, dass das englische Programm nicht sehr fordernd ist. Da auch die Professoren und Angestellten kein perfektes Englisch sprechen, sind sie zu nachsichtig mit der englischsprachigen Studentenschaft.
Außerdem führt das Sprachdefizit vieler Professoren dazu, dass die Prüfungen vor allem Auswendiggelerntes abfragen. Dies sind natürlich meine eigenen Beobachtungen und sollten nicht verallgemeinert werden.
2.5.2 Ungarischsprachiges Studium
In den von mir besuchten Kursen auf ungarisch wurde ein ganz anderer Ton angeschlagen. Es ging zügig voran und das Material wurde sehr viel genauer besprochen. Auch wenn ich nicht den direkten Vergleich des selben Kurses in den beiden Sprachen habe, glaube ich behaupten zu können, dass das ungarische Programm sehr viel fordernder ist, als das englische. Mir gefällt, dass die Kursstärken zu Übungen unter 15 gehalten werden und in der Vorlesung „Turbulente Strömung“ wurde der Stoff für nur 6 Studenten vermittelt. Ich schätze, dass dies im Grundstudium durchaus anders aussieht und muss feststellen, dass die BME beim Lehrbetrieb im Hauptstudium der TU Berlin sehr ähnelt.
2.5.3 Ausstattung
Ebenso sieht es mit der Ausstattung aus. Ich habe zwar erst einen kleinen Einblick „hinter die Kulissen“ des Lehrbetriebes und in den Forschungsbetrieb erhalten, wage aber zu behaupten, dass sich die beiden Universitäten nicht viel nehmen. Auch an der BME werden momentan sehr viele Räume in Stand gesetzt und in manchen Gebäuden ist in jedem Raum ein Beamer installiert. Ich denke, dass die Modernisierung in den nächsten Jahren sehr stark vorangetrieben wird.
