Wie versprochen die Fotos zum Beitrag vom 16.11.06. Ich bin nicht unzuverlässig, nur unpünktlich…
30.November.2006
Auf geht’s!
Chan Yong ist also heute wieder abgedampft und war ruck-zuck in Berlin. Ich blieb (wieder einmal) zurück. Das ist aber halb so wild, denn jetzt geht es in den Endspurt. Pauken, pauken, Protokolle schreiben lautet die Devise. Um dem armen Leser ein erneutes Klagen über meinen vollen Stundenplan zu ersparen, werde ich darauf nicht weiter eingehen.
So bleibt allerdings auch nicht mehr viel zu sagen, außer einem Update meiner chorischen Aktivitäten.
Das Konzert letzten Freitag war zwar gut, aber mit dem zeitlichen Aufwand von 7h im Vergleich zu einem 7min Auftritt war einfach nicht haltbar. Naja, es war in einem 5 Sterne Hotel, da muss man flexibel sein, wenn die Herrschaften das Konzert nunmal zu einem späteren Zeitpunkt hören möchten.
Ein was Gutes hatte es dann für mich aber doch, denn die Chorleiterin kam in der ewig vielen Freizeit zu mir und fragte, ob ich an einigen Aufnahmen für ein Musical mitmachen möchte. Kleiner Chor, jazzige Stücke, wenig Aufwand und ein gutes Team. Ich habe natürlich zugesagt, vor allem weil morgen mein Auftritt mit dem Weihnachts-Ensemble ist und wir somit keine extra Proben mehr brauchen. Heute hatten wir also unsere erste Probe und es war echt Spitze mit einem Haufen Leute zu singen, die schnell vorankommen und die Musik spüren. Leider habe ich heute auch erfahren, dass die Aufnahmen am 29.12. sind. Da bin ich aber in Berlin. Ich werde mich mal nach Flügen umschauen, ob ich nicht trotzdem für zwei Tage wieder herkomme, um mitzumachen.
Mein klassischer Chor ist vorerst auf Eis gelegt, da ich zu viele Auftritte mit dem Jazzchor habe und ihre Projekte keinen wirklichen Anreiz stellen, zweigleisig zu fahren. Ich hoffe sie nehmen mir das nicht übel und ich kann trotzdem noch beim „ungarisch Tanzen für Indonesien“ mitmachen, das ja nächste Woche losgeht.
26.November.2006
Balkán Hangja
Chan Yong, darf ich dich bitten meinem Blog einen Beitrag hinzuzusetzen?
Ja, natürlich ! Fühle mich sehr geehrt hier was schreiben zu dürfen …
Also gestern (Samstag) bin ich im wunderbaren Budapest, Terminal 1 angekommen. Dann ging es mit Bus, U-Bahn und Tram zu Attilas Studentenbude. Die Planung für den Abend stand nach ausführlichen Internet-Recherchen auch sehr bald fest und wir sind zum Balkán Hangja im Szabadidöközpont gefahren. Übersetzt heißt das so viel wie Balkan-Klänge im Freizeit-Treffpunkt. So genau wussten wir nicht, was uns erwarten würde.
Tja, das ganze fing mit Tanz-Vorführungen von Männern und Frauen in den entsprechenden Landestrachten an. Rumänen, Bulgaren, Slowenen, u.s.w. Hatte irgendwie was von Musikantenstadl… Das interessante war, dass doch ne menge junger Leute da waren, die man dort einfach nicht erwartet hätte (wir waren ja schließlich auch da !). Bei all den Vorführung konnten wir ne echt interessante Beobachtung machen: Der bekannte, ich nenne ihn mal isotropen Applaus nach der Aufführung, wurde immer nach ca. 10 Sekunden zu einem homogenen Applaus im absoluten Gleichtakt! Absolut spontan, aber dennoch haben alle im gleichen Moment damit angefangen. Wir waren einfach fasziniert.
Nach diesen Vorführungen fing dann die eigentliche Party an. Die Stühle im Saal wurden weggeräumt und Bands spielten Klänge aus Griechenland, der Türkei, Rumänien u.s.w. Das war dannwahrscheinlich auch der Grund warum hier auch jüngere Leute (aufgedonnert wie in der Disco!) waren. Wir wussten einfach nicht, was hier ablief. Fast sämtliche Leute standen auf der Tanzfläche und tanzten gemeinsam, Hand in Hand, zu der Live-Musik. Quasi der ganze Saal war in Bewegung. Das Phänomen: Wieder wussten alle, welche Tanzschritte sie machen mussten. Zunächst standen wir ein wenig ratlos am Rande des Treibens. Das lustige war, dass uns auch die anderen umherstehenden Leute nicht sagen konnten, was da genau getanzt wird (A Propos sagen: die meisten konnten Deutsch sprechen, Englisch sowieso !). Also: nichts wie rein ins Getümmel! Das war absolut super.
Man musste einfach auf die Füße der anderen gucken und dann nachmachen. Blöderweise hat man meistens erst am Ende des Stückes die Schritte verinnerlicht, so dass man dann beim folgenden Stück wieder völlig ratlos war, da hier wieder alle anderen irgendwelche komplett verschiedenen Schrittkombinationen benutz haben. Wir haben aber immer wieder ein aufmunterndes „das wird schon“, und „beim nächsten mal klappts schon“ gehört…
Alles in allem ein absolut wunderbarer Abend mit wunderbar freundlichen und aufgeschlossenen Menschen! Sowas müsste man bei uns in Berlin auch mal machen.
21.November.2006
Einen Gang zurück
Diese Überschrift ist irreführend und wohl schlecht gewählt. Man könnte ja jetzt sagen: „änder sie doch!“ Aber mir fällt nichts treffenderes ein.
Ich habe jetzt alle Hände voll zu tun, meine wissenschaftlichen Projekte voranzutreiben und die Musik muss einfach mal „einen Gang zurückschalten“. Es ist nun nicht so, dass ich mich überarbeite, aber meine Projekte sind sehr zeitintensiv. Gerade sitze ich z.B. im PC-Pool und lasse den Rechner rechnen. Dies tut er schon seit einer halben Stunde und es ist immer noch kein Land in Sicht. Diese verdämlichten Residuen wollen sich einfach nicht einstellen. Naja, so sitze ich also rum, um in einer halben Stunde das ganze noch mal zu machen, weil ich wieder irgend etwas falsch eingestellt habe.
Dazu kommt die FEM-Berechnung, die nun auch einer Netz-Verfeinerung bedarf. Also ebenso rumsitzen. Wenigstens kann ich das zu Hause machen, da kann ich nebenbei Gitarre/Bass spielen, Rauchen und Whisky trinken.
Da nun am Wochenende Chan Yong kommt, werde ich nächste Woche nicht im Művészetek Palótája auftreten, was mir aber auch ganz recht ist. Der Aufwand von 3 x 12 Stunden Proben für ein Konzert, das ich nicht einmal mag (Chorwerke aus den berühmtesten Opern, also echte Schager), wäre Grund genug es nicht zu tun. Nun ist aber Chan Yong da, dem ich es anhängen kann, wie praktisch.
Freitag habe ich mit dem JAM Chor einen Auftritt. Wir sind Backgroundchor für eine Rockband. Das wird bestimmt lustig.
Wie ich es auch immer formuliere, es steht Weihnachten vor der Tür. Bekannter Weise gehören Chöre und Weihnachten aber zusammen, was heißt: Zähne zusammenbeißen und ein wenig ranklotzen.
Ab Mitte nächster Woche bin ich in der heißen Phase! Und das sowohl universitär als auch musikalisch. Aber ich werde bereit sein!
16.November.2006
Auftritte und Proben
Das war eine richtige Musterhalbwoche (keine Halbmusterwoche, ich bitte das zu bedenken)!
Es fing an mit einer Präsentation meines Projekts in Structural Analysis. Die Dozenten waren so überzeugt von unserem Fortschritt, dass sie uns am liebsten 110% gegeben hätten. Ohne mich aufzuspielen, kann ich sagen, dass das allein mein Verdienst war (Mein Kollege hat kein Wort gesagt).
Danach furchtbare (gutes Zeichen) Generalprobe und wunderbare (der Lohn) Aufführung des Verdi Requiems. Die Akustik in der zene akadémia ist beeindruckend. Der Chor hat so leise gesungen, wie noch nie und es kam im Publikum trotzdem und gerade deshalb an (weiß ich nur vom Hörensagen, da ich ja nicht im Publikum saß, sondern die ganze Zeit auf der Bühne stand (es gab dort aus Platzmangel keine Sitzplätze für die Männer)). Nachteil, wie bei allen akustisch großartigen Räumen: Man hört sich selbst nicht. Aber ich hatte richtig oft Gänsehaut und wollte, als die letzen Takte erklangen, gar nicht mehr aufhören. Ein merkwürdiges Gefühl, wenn die Zeit, die der Dirigent vorgibt, einen einholt und mitschwemmt.
Danach war ich (endlich mal) mit ein paar Ungarn aus dem Chor ein Bierchen und Glühwein trinken. Ich habe das Gefühl, endlich auch in diesem Chor aufgenommen zu sein.
Dienstag ging es nach Gyöngyös zu zwei Aufführungen mit dem Jazz-Chor vor Schülern. Es war eine riesige Bühne, allerdings jede Menge Schülerpublikum. Im Bus kurz vor dem Konzert wurde mir aufgetragen, so viele Stücke wie möglich mitzusingen, da der Tenor mit 2 Personen reichlich unterbesetzt war. So sang ich unbekannter Weise (und als einziger mit Noten) bei 5 Stücken mit. Die anderen durfte ich am Klavier stehend und blätternd miterleben. Also habe ich (bis auf einige Ausnahmen, siehe Fotos)
durchweg auf der Bühne gestanden. Ich bin sehr stolz auf mich. Ich habe mir einige Leute geangelt, die mir die Choreographien beibringen, damit ich noch mehr Stücke mitsingen (und tanzen) kann. Das erste Konzert war ein richtiger Erfolg und die Schüler zwischen 10-14 waren begeistert. Sie haben sich sogar Autogramme geben lassen. Das zweite Konzert war von unserer Leisung her viel besser, aber es ist sehr schwierig 200 pupertierende Schüler zu beeindrucken. Und somit mussten wir mit Zurufen wie: „Wann ist das denn endlich vorbei?“, oder „War das das letzte Stück?“ kämpfen. Naja, dafür haben die keine Zugabe gekriegt!
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Dienstag Abend hatte ich das erste Treffen der Tänzer für Indonesien. Es ging los mit einem reichlichen, indonesischen Mahl und jede Menge Sittenerklärungen in einem „Tempel“. (Deshalb in Anführungsstrichen, weil es zwar die Funktionen eines buddistischen Tempels erfüllte, aber aussah, wie ein gefließtes Wohnzimmer mit Altar.) Dazu gehörte unter anderem die strickte Geschlechtertrennung beim Essen und beim Beten (Ja wir mussten/durften mitbeten.) Um dort mittanzen und
nach Indonesien fahren zu dürfen, mussten wir in den Kreis aufgenommen werden und haben an einer Zeremonie teilgenommen. Als Dank bekamen wir 3 „Geschenke/Gaben“ (mir fehlt das Wort, aber ich meine nichts Materielles), die allerdings unter allen Umständen geheim bleiben müssen. Ich habe sogar einen Ausweis bekommen, dass ich nun Mitwisser dieses Geheimnisses und Mitglied bin. Sie sagten, dass ich mit diesem Ausweis überall in der Welt bei solchen Tempeln wenigstens ein warmes Essen kriege. Wir werden jetzt ab Anfang Dezember jeden Dienstag Csárdás tanzen und außerdem einen Technotanz (oder so) und einen traditionell indonesischen lernen. Ich bin gespannt.
Gestern war ich nach der Uni noch beim Kontrabassunterricht, der jetzt erst einmal E-Bassunterricht ist, da ich noch keinen Kontrabass habe. Aber es war sehr spannend und mein Lehrer ist ein echt sympatischer Kerl. Nachdem wir 1 1/2 Stunden geprobt und gequatscht haben (also länger als die bezahlte Stunde (1500 Forint)), haben wir noch auf dem Balkon (die Probe war bei ihm zuhause) ein Bier und je zwei Zigaretten verdrückt. Ich hatte vorher noch überlegt, vielleicht das Kontrabass spielen aus Zeitgründen zu lassen, aber ich glaube, dass das richtig gut werden kann (wenn ich nur auch regelmäßig übe…).
Ich werde, wenn ich zuhause bin noch einige Fotos einfügen. Das wird allerdings erst morgen etwas, da heute abend wieder mal ein Pub-Evening mit den Erasmusens ansteht. Achso, ich habe morgen frei. Zum Glück!
Kleine Dinge 04
Das kleine grüne Buch erzählt:
- “r“ mit 3 Zungenschlägen (Bei der Generalprobe zum Verdi Requiem sagte der Dirigent zum Chor, er solle doch nicht so viel „r“ (das Zungenrollen-“r“) in das Wort „Requiem“ legen. Er meinte, ein richtiges ungarisches „r“ (und das ist genau das, was man beim singen auch braucht) habe genau 3 Zungenschläge. Ich habe es ausprobiert, er hat recht! Mit weniger Hüpfern geht es nicht und mit mehr klingt es komisch.)
- Atemdampf im Nachtbus (die Busse sind hier anscheinend nicht alle geheizt, was verständlich ist, schaut man sich einmal die Türen genauer an. Die sind am Rand bei der Gummidichtung voller Löcher. Allerdings ist mir ein zu kalter Bus lieber, als ein (wie normalerweise hier) viel zu überheizter Bus. Die Heizungen sind nämlich bei den Füßen und ich hatte schon sehr oft das Bedürfnis meine Schuhe auszuziehen.)
- Ungarn kennen es nicht, wenn jemand ihre Sprache „fremd“ spricht. (Es ist doch so, dass kaum einer ernsthaft ungarisch sprechen lernt. Mir passiert es immer öfter, dass Leute zu mir meinen, es sei so schön, wie ich die Sprache auf den Kopf stelle und dass sie das überhaupt nicht kennen. Die meisten Ungarn diskutieren sehr gerne über ihre Sprache und die Herkunft und Bedeutung der Worte und Redewendungen.)
- Es erkennt kaum einer sofort, dass ich nicht Ungar bin. (Letztens musste ich sogar meinen Perso zeigen.)
- Ungarn haben bisher auf jedem Konzert rhythmisch geklatscht und das schon beim ersten Verbeugen und das ohne Zugabe. (Wenn ich anfange rhythmisch zu klatschen, dann erwarte ich doch auch eine Zugabe. Hier ist es eher Usus für ein gutes Konzert in ein Gleichklatsch zu verfallen. Eigentlich kann ich das ja überhaupt nicht leiden, aber es hat eine schöne Dynamik, wenn sie gemeinsam schneller und langsamer werden.)
- Es kann beim Wangenkuss immer nur einer die Wange wirklich küssen. (…)
- Mit Stäbchen essen, danach die Suppe. (Ich habe mich oft gefragt, wie Chinesen auch das letzte Reiskorn aus ihrem Schälchen kriegen, ohne vor Fummelarbeit einen Wutausbruch zu bekommen. Sie essen erst den Hauptgang und spühlen hinterher den Rest mit einer klaren Suppe aus. Das erklärt auch, wieso die Suppe damals in Peking so eine wässrige war, sie hat nicht den Sinn den Appetit anzuregen, sondern lediglich eine Wasch- und Nachspühlfunktion.)
- Eine These: das deutsche „ß“ und das ungarische „sz“ sind verwandt.
